21. August 2013

Selbsthilfegruppe für Kehlkopfoperierte - Artikel aus der NOZ

Lengerich. Gerhard Fading macht den Eindruck eines selbstbewussten Mannes, der gerne lacht und eine Menge zu erzählen hat. Warum auch nicht, mag der denken, der ihn sieht. Warum, mag hingegen der denken, der ihn hört. Im Mai 2005 erhielt der heute 58-Jährige die Diagnose Kehlkopfkrebs, im September des gleichen Jahres wurde er operiert, der Kehlkopf entfernt. Seitdem verständigt sich der Lengericher mittels der Rülpssprache (medizinisch: Ösophagusersatzstimme).
 
Gerhard Fading leitet die Gruppe. Foto: Meyer zu Brickwedde
Für Außenstehende ist das Zusammentreffen mit Gerhard Fading eine ungewohnte Situation. Viele wüssten nicht, wie sie sich verhalten sollen, erzählt er. Der 58-Jährige hat damit zu leben gelernt. Doch nicht jeder Betroffene schafft es so gut wie er, gerade mit derlei Folgen der Kehlkopfentfernung fertig zu werden. Ihnen will Gerhard Fading helfen, für sie engagiert er sich in der Selbsthilfegruppe Kehlkopfoperierte Osnabrücker Land. Er ist der Leiter der Gruppe und Patientenbetreuer.
Die Mitglieder der Gruppe kommen aus Lengerich und Osnabrück, aus Mettingen, Borgholzhausen, Ibbenbüren und Bad Essen. „Aber viele erreichen wir bislang nicht“, sagt Gerhard Fading, „sie ziehen sich in ein Schneckenhaus zurück, weil sie glauben, dass sie auf der Straße alle anschauen.“ Der Grund dafür sei die Scham, nicht mehr normal kommunizieren zu können. „Manche erlernen das Sprechen gar nicht mehr.“ Es bleibe ein „Pseudoflüstern“, die Partner müssten in solchen Fällen oft von den Lippen ablesen. Ihnen würde es zusätzlich auch noch aufgebürdet, den Alltag zu regeln.
Gerhard Fading räumt offen ein, dass er 2005 „in ein tiefes Loch gefallen ist, weil man nicht weiß, wie es weitergeht“. Sprache, Atmung, Nahrungsaufnahme – kann das alles funktionieren? Doch er habe das Glück gehabt, nach der Operation relativ schnell die Rülpssprache erlernt zu haben. Und auch das Essen sei kein Problem gewesen. „Ich merkte, dass es aufwärts geht.“ Inzwischen habe er seine Situation längst akzeptiert und e einen normalen Alltag.
Diese Einstellung hilft ihm bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit, denn so schafft er Glaubwürdigkeit. Zum Beispiel, wenn er zu Patienten ins Marienhospital nach Osnabrück kommt. Das Krankenhaus informiert ihn vorab, er leistet dann Aufklärungsarbeit, zeigt den Betroffenen an seiner Person, wie die Zukunft aussehen kann, besucht sie nach der Operation und auch noch daheim während der Zeit der nach der OP folgenden Bestrahlungen.
Kommt die Selbsthilfegruppe, in der übrigens auch Angehörige willkommen sind, in Osnabrück zusammen, steht der Erfahrungsaustausch oft an erster Stelle. Mediziner referieren ebenso wie Vertreter von Firmen, die Hilfsmittel anbieten. Gerhard Fading kann als geschulter Patientenberater zudem immer wieder einmal über Neuerungen im Schwerbehindertengesetz informieren. Betroffene können sich an Gerhard Fading wenden, Tel. 0157/86816514, E-Mail kolle@goodmails.de.

20. August 2013

Karl Finke, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderungen, fordert barrierefreie Wahlräume

In gut fünf Wochen wird der neue Bundestag gewählt. Auch wenn das Wahlgesetz noch nicht geändert wurde und daher auch dieses Mal ein hoher Anteil an Menschen mit Behinderungen, für die eine umfassende Betreuung angeordnet wurde, nicht wählen darf, will der überwiegende Teil der Menschen mit Behinderungen wählen. Dazu ist es allerdings notwendig, dass die Wahllokale barrierefrei sind.

„Ich fordere die Gemeinden auf, entsprechend der Bundeswahlordnung barrierefreie Wahlräume auszuwählen und zu benennen. Ziel muss sein, dass allen Wahlberechtigten,
insbesondere behinderten und anderen Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, die Teilnahme an der Wahl erleichtert wird“, sagt Karl Finke, Niedersächsischer
Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderungen. Denn: „Immer mehr Menschen mit Behinderungen wollen ihr Wahlrecht auch ausüben. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, die auch durch unsere aktuelle Wahlhilfebroschüre unterstützt wird“, so Finke.

Nach dem Prinzip, dass behinderte Menschen die besten Expertinnen und Experten in eigener Sache sind, hat nunmehr das Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit gemeinsam mit acht Selbsthilfeverbänden von Menschen mit Behinderungen Informationen über die Barrierefreiheit von Wahlräumen veröffentlicht. Hier können die Gemeinden nachlesen, wann ein Wahlraum barrierefrei ist und wie sie die behinderten Wählerinnen und Wähler darüber informieren können, welche Gegebenheiten diese vor Ort antreffen. Finke betont: „Jetzt gibt es keinen Grund mehr, dass Menschen mit Behinderungen wegen ihrer Behinderung und fehlender Barrierefreiheit nicht wählen können.“

Abschließend weist Finke darauf hin, dass für die Wahlbezirke, in denen tatsächlich keine barrierefreien Wahlräume zur Verfügung gestellt werden können, die Möglichkeit zur Briefwahl besteht. Er fordert alle Menschen mit Behinderungen auf, aktiv an der Wahl
teilzunehmen und so mit dazu beizutragen, dass die zukünftige Politik der Bundesregierung auch dadurch geprägt ist, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen.

Die Informationen über die Barrierefreiheit von Wahlräumen kann heruntergeladen werden: http://www.barrierefreiheit.de/