28. Dezember 2010

Parkausweis für Behinderte

Alte Parkausweise für behinderte Menschen
verlieren zum Jahresende ihre Gültigkeit

Frühzeitig neuen EU-weiten Parkausweis beantragen!
Im Jahr 2001 wurde der Parkausweis für behinderte Menschen nach europäischem Muster eingeführt. Die alten, noch nicht EU-weiten Ausweise, die vor 2001 ausgegeben wurden, verlieren zum 31. Dezember 2010 ihre Gültigkeit.

Daher empfiehlt der Sozialverband VdK Deutschland allen Betroffenen, die noch einen alten Parkausweis besitzen (vor 2001), rechtzeitig den neuen Ausweis zu beantragen. Ab dem 1. Januar 2011 gelten nur noch die neuen Parkausweise. Sie sind EU-weit gültig; beim Parken gelten die Bestimmungen des jeweiligen Landes.

Im Unterschied zu den alten Parkausweisen werden im neuen EU-Parkausweis die persönlichen Informationen (Name, Passfoto) ausschließlich auf der Rückseite eingetragen. So wird vermieden, dass persönliche Daten für jedermann von außen einsehbar sind, wenn der Ausweis im Fahrzeug liegt.

Wo kann man den neuen Ausweis beantragen?
Dort, wo man auch den alten, nur im Inland gültigen Parkausweis beantragt hat. In der Regel ist dies beim Straßenverkehrsamt oder bei der Gemeindeverwaltung vor Ort. Der alte Ausweis wird dann eingezogen. Für den EU-weiten Parkausweis wird ein Passfoto benötigt.

Wenn Sie bereits den ab 2001 ausgegebenen EU-Parkausweis besitzen, müssen Sie keinen neuen Ausweis beantragen.

Übrigens: Nur mit dem offiziellen Behinderten-Parkausweis darf auf ausgewiesenen Behindertenparkplätzen geparkt werden. Ein Aufkleber am Auto oder ähnliches berechtigt nicht zur Nutzung dieser Parkplätze! Der Parkausweis ist nicht übertragbar und darf nicht an andere weitergegeben werden, etwa an Familienmitglieder, die das Auto ebenfalls nutzen.

Behindertenparkplätze sind kein Privileg, sondern eine kleine, aber sehr wichtige Hilfe im Alltag. Daher sollten Nicht-Behinderte diese Parkplätze unbedingt freihalten - auch dann, wenn man nur etwas ausladen möchte, "nur für fünf Minuten einkaufen" will oder wenn weit und breit kein anderer Parkplatz frei ist. Für Nicht-Behinderte gilt hier also ein absolutes Halteverbot. Wer ohne Erlaubnis auf einem Behindertenparkplatz parkt, kann umgehend abgeschleppt werden - oder eine Geldbuße wird fällig.

Wer darf auf einem Behindertenparkplatz parken?
Um auf den ausgewiesenen Behindertenparkplätzen parken zu dürfen, benötigt man einen besonderen Parkausweis. Um diesen Parkausweis zu beantragen - meistens bei der Straßenverkehrsbehörde oder beim Ordnungsamt der Stadt -, benötigt man einen Schwerbehindertenausweis

■ mit dem Merkzeichen aG (außergewöhnlich gehbehindert)
■ oder mit dem Merkzeichen Bl (blind)

Auch Contergangeschädigte können die Behindertenparkplätze seit kurzem nutzen. Der Bundesrat hatte am 6. März 2009 Änderungen der straßenverkehrsrechtlichen Regelungen mit Blick auf Menschen mit Behinderung zugestimmt.

In der Straßenverkehrsordnung (StVO) heißt es jetzt:

"Durch ein Zusatzzeichen kann die Parkerlaubnis beschränkt sein, insbesondere nach der Dauer, nach Fahrzeugarten, zugunsten der mit besonderem Parkausweis versehenen Bewohner, schwerbehinderten Menschen mit außergewöhnlicher Gehbehinderung, beidseitiger Amelie oder Phokomelie oder mit vergleichbaren Funktionseinschränkungen sowie blinden Menschen. Die Ausnahmen gelten nur, wenn die Parkausweise gut lesbar ausgelegt sind."
StVO, § 42 Richtzeichen

Die Punkte Amelie oder Phokomelie waren in der alten Fassung nicht enthalten.

Weitere Parkerleichterungen:
Daneben wurde auch der Kreis behinderter Personen ausgeweitet, die andere Parkerleichterungen in Anspruch nehmen können, also auch im eingeschränkten Halteverbot, in Ladezonen oder in Fußgängerzonen parken dürfen. Bislang war dies nur denen gestattet, die Anspruch auf Nutzung eines Behindertenparkplatzes hatten.

Künftig gilt das auch für

■ Schwerbehinderte Menschen mit den Merkzeichen G und B und einem Grad der Behinderung (GdB) von wenigstens 80 allein für Funktionsstörungen an den unteren Gliedmaßen (und der Lendenwirbelsäule, soweit sich diese auf das Gehvermögen auswirken).

■ Schwerbehinderte Menschen mit den Merkzeichen G und B und einem GdB von wenigstens 70 allein für Funktionsstörungen an den unteren Gliedmaßen (und der Lendenwirbelsäule, soweit sich diese auf das Gehvermögen auswirken) und gleichzeitig einen GdB von wenigstens 50 für Funktionsstörungen des Herzens oder der Atmungsorgane.

■ Schwerbehinderte Menschen, die an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa erkrankt sind, wenn hierfür ein GdB von wenigstens 60 vorliegt.

■Schwerbehinderte Menschen mit künstlichem Darmausgang und zugleich künstlicher Harnableitung, wenn hierfür ein GdB von wenigstens 70 vorliegt.

Für die Vergabe der Ausnahmegenehmigungen sind die Straßenverkehrsbehörden der Länder zuständig! Wenden Sie sich am besten an Ihre kommunale Straßenverkehrsbehörde. Die Adresse erfahren Sie bei der Stadtverwaltung.

Sonderparkausweis gut sichtbar hinlegen!
Es reicht nicht aus, einfach den Schwerbehindertenausweis ins Auto zu legen, denn dieser legitimiert nicht automatisch zum Parken auf Behindertenparkplätzen! Der amtliche blaue Sonderparkausweis muss gut sichtbar hinter der Windschutzscheibe platziert werden. Ein Aufkleber mit Rollstuhlsymbol reicht ebenfalls nicht aus, um Behindertenparkplätze nutzen zu dürfen.

Keinesfalls darf der Parkausweis von nichtbehinderten Verwandten oder Bekannten benutzt werden, außer wenn die behinderte Person als Beifahrer dabei ist. Neben dem kostenpflichtigen Abschleppen des Fahrzeugs droht bei falscher Verwendung des Ausweises unter Umständen eine Klage wegen Missbrauch von Ausweispapieren.

22. November 2010

Betreuer des Jahres


Immer still, unauffällig und bescheiden: das ist Gerhard Köppelmann, selbstständiger Malermeister im Ruhestand. Ruhestand? Nein, denn seit nunmehr 5 Jahren betreut Gerhard (immerhin Jahrgang 1933) die kehlkopfoperierten Patienten aus Braunschweig und Umgebung. Dabei macht er mehr, als man von einem Patientenbetreuer erwarten sollte: Gänge für seine Betreuten zur zuständigen Krankenkasse oder der Rentenversicherung sind keine Ausnahme. Da kommt ihm auch seine gute Oesophagus-Stimme zugute, die er in kürzester Zeit ergeizig gelernt hat. Mehr noch: Einem seiner Patienten hat er sogar auf eigene Kosten ein Faxgerät gekauft, damit dieser sich verständlich machen konnte.

Aber auch sonst ist er nicht untätig: neben seinem Garten-Hobby besucht er regelmäßig einen Italienisch-Sprachkurs (als Kehlkopfloser!) und hat sich vor einiger Zeit auch in die "Abgründe" der Computerwelt gewagt. Hier bearbeitet er vor allem seine selbstgedrehten Videofilme.

Wir gratulieren ihm nicht nur zu seinem kürzlich begangenen 77. Geburtstag, sondern wünschen ihm auch noch viele schöne Jahre mit seiner Ehefrau Erika - und nicht zuletzt auch noch viele Erfolge bei seiner Betreuertätigkeit.
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Wollen Sie auch Ihren "Betreuer des Jahres" veröffentlichen?
Schicken Sie Ihren Bericht und möglichst ein Bild per Mail an Rue.Wei@t-online.de

Vortrag in Altenpflegeschule


Ende November war der Leiter der Sektion und SHG Braunschweig Rüdiger Weidner in der H.-Engelbrecht-Schule eingeladen, über das im Unterricht gerade anstehende Thema "Krebs" zu referieren. In dieser Schule werden Frauen und Männer in 3 Jahren zu qualifizierten Altenpfleger/innen ausgebildet.
Nach einem freundlichen Empfang in der Klasse AL 08.1 gab es den Vortrag: "Diagnose Krebs - was nun?". Gespannt verfolgten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Ausführungen über den langen Weg von den ersten Symtomen zur Diagnose, die Therapie- möglichkeiten, den psychischen Problemen sowie die Betreuung bis hin zur Genesung oder der mitunter notwendigen Palliativbehandlung. Viele interessierte Fragen zeigten das Interesse, so daß wie so oft die zur Verfügung stehende Zeit wieder einmal viel zu kurz erschien.

21. Oktober 2010

Palliativ-Care-Tag Braunschweig

Ende September fand in Braunschweig wieder der Palliativ-Care-Tag unter dem Motto "Kommunikation mit Schwerstkranken" statt. Neben Ärzten, Psychologen, Geistichen, Sozialarbeiter/innen u. a. wurde auch ein Vertreter der Krebs-Selbsthilfe-Gruppen als Referent eingeladen. Nachfolgend der viel beachtete und mit großem Beifall bedachte (hier gekürzte) Vortrag des Kehlkopflosen Rüdiger Weidner:
Sehr geehrte Damen und Herren!
Als ich vor einiger Zeit eingeladen wurde, zum Palliativ Care Tag ein paar Gedanken von mir zu geben, war ich zunächst etwas hilflos. Wir als Selbsthilfegruppe der Kehlkopfoperierten und Kehlkopflosen – und ich darf sicher auch für die anderen fünf Krebsselbsthilfegruppen der Region sprechen – haben natürlich zunächst das Ziel der Gesundung des/der Betreuten. Doch es ist oft ein langer Weg eines Schwerkranken von der ersten Diagnose bis zu seiner Genesung oder aber der Notwendigkeit einer Palliativ-Versorgung.
Neben vielen anderen begleiten auch wir ihn oder sie ein ganzes Stück auf diesem Weg. Wir versuchen den Betroffenen Lebensmut zu geben, sich mit der Krankheit und deren Folgen bestmöglich zu arrangieren. Aber wie das so ist: Sie alle kennen die Überlebensraten bei Krebserkrankungen, da muss ich Sie nicht mit Statistiken behelligen. Leider viel zu viele der Erkrankten beenden dann doch ihr Leben auf unterschiedlichste Weise: von kurz und schmerzlos bis hin zu einem mitunter qualvollen Ende. Dort schließt sich der Kreis, dort ist der Schnittpunkt zwischen unserer lebensbejahenden, ja optimistischen Betreuung und der Palliativbehandlung sowie Hospiz-Begleitung.
Frau Schroeder hat in ihrem Vortrag von den „Sendeorganen“ der Kommunikation gesprochen. Das wichtigste Organ dabei ist der Kehlkopf. Ist er von einem Tumor befallen, so stehen dem Arzt je nach Größe und Ausbreitung des Tumors mehrere Behandlungsoptionen zur Verfügung, auf die ich in diesem Rahmen nicht näher eingehen kann.
Auf die Kommunikation bezogen nur soviel: es gibt die Teilresektion (oft mittels Laser), die Strahlen-Chemo-Therapie und die Totalentfernung. Da dies Konsequenzen für die Organerhaltung hat und somit vermeintlich für die zukünftige Kommunikation, entscheiden sich mitunter Patienten gegen die vom Arzt für notwendig erachtete und vorgeschlagene Therapie bzw. Operation.
Oft ist es allerdings für den Betreuer aufgrund seiner Erfahrungen schwer, einen solchen Patientenentschluss akzeptieren zu müssen. So ist schon hier eine vertrauensvolle Kommunikation dringend erforderlich.
Ist der Kehlkopf entfernt worden, muss eine Ersatzstimme erlernt werden. Die meisten erlernen die Ruktus- oder Speiseröhrenstimme. Dabei wird Luft in die Speiseröhre geschluckt und beim Herausdrücken über Hautlappen im Rachenbereich eine Sprache erzeugt. Darum heißt diese Methode auch „Rülpssprache“. Sie ist einigermaßen anstrengend und wird meist im Alter immer schlechter und unverständlicher, benötigt aber keinerlei Hilfsmittel.
Die zweite Möglichkeit ist eine elektronische Sprechhilfe, wie Sie es bei mir sehen und hören. Das ist ein Vibrator, der die Stimmbänder ersetzt und mit einer festen, einstellbaren Frequenz schwingt. Man muss nun lernen, diesen Grundton zu modulieren und kann daraus eine Sprache erzeugen. Da die Schwingfrequenz immer die gleiche ist, klingt die Stimme etwas roboterhaft, eine echte Sprachmelodie ist nicht möglich. Neben dem Vorteil der schnellen Erlernbarkeit stehen die Nachteile der Abhängigkeit von einem Gerät und nicht zuletzt das Problem, beim Sprechen nur noch eine Hand frei zu haben.
Als dritte Möglichkeit gibt es die sogenannte Stimmprothese, ein Shunt-Ventil zwischen Speise- und Luftröhre. Hiermit kann eine exzellente Sprache erzielt werden. Allerdings gibt es viele Nachteile: Regelmäßiges auswechseln (alle 3 bis 12 Monate) durch den Arzt; Undichtigkeiten, die zum ständigen Verschlucken eingenommener Flüssigkeiten in die Lunge führen; sorgfältige Pflege und Hygiene des Ventils ist unbedingt erforderlich.
Sie können sich nach diesen kurzen Ausführungen sicher gut vorstellen, dass alle drei dieser Sprach-Methoden bei einem Schwerstkranken in lebensbedrohlichen Stress-Situationen oder bei Hilflosigkeit weitestgehend versagen werden, wenn die jeweils notwendige besondere Motorik für die Ersatzstimmen aus den verschiedensten Gründen ausfällt.
Doch zurück zu unserer Arbeit: Nach der Tumor-Diagnose in einer HNO-Klinik werden wir vom Krankenhaus benachrichtigt und zeitnah mit dem Arztgespräch führen dann auch wir mit dem Patienten samt Angehörigen ein Erstgespräch durch. Diese Gespräche erfordern viel Einfühlungsvermögen und Geduld, denn schon von den Ereignissen bis zur endgültigen Diagnose „Krebs“ überrumpelt und verängstigt, stehen der Patient und die Angehörigen bereits vor und dann nach der Operation vor schier unlösbar erscheinenden Problemen. Fragen über Fragen beunruhigen und bedrücken alle Betroffenen.
Das Allerwichtigste aber: die Stimme wird nicht mehr da sein. Die größte Angst ist, dass der Patient nicht mehr imstande sein wird, sich verbal mitzuteilen. Nun gilt es den Patienten und die Angehörigen zu beruhigen, ihnen die Möglichkeiten für eine neue Stimme vorzustellen, so wie ich es vorhin ausgeführt habe.
Wir versuchen auch die Angst vor der Operation zu mildern. Unsere anderen Patientenbetreuer und ich können mit vorgelebtem Beispiel zeigen, dass es hinterher gar nicht so schlimm sein wird, wie es im Moment aussehen mag.
Ich erzähle davon, dass ich nach der Operation auch ohne Kehlkopf noch jahrelang im Berufsleben stand, dass ich viele Flugreisen mit Leihwagen (Fly and Drive) ins Ausland gemacht habe und andere Kehlkopfoperierte sogar in Mexiko oder China waren. Oft dauern diese Gespräche über drei Stunden – eine Zeit, die sich kein Arzt der Welt nehmen könnte.
Etwas schwieriger wird es nach der Operation. Dann ist zeitweilig der Punkt erreicht, an dem sich der Patient tatsächlich nicht artikulieren kann. Schreibtäfelchen oder Notizblock sind die einzigen Möglichkeiten sich zu äußern. Schlimm wird es, wenn es sich um einen Schreibunkundigen handelt, was gar nicht so selten vorkommt.
Der Patient ist ungeduldig, verzagt, die ersten Sprechversuche beim Logopäden haben nicht geklappt – hier ist eine gefährliche Klippe zu umschiffen. Nun muss dem Patienten Hoffnung gegeben werden, er muss motiviert werden sich durchzubeißen. Situationsbedingt sind diese Gespräche meist sehr einseitig, da der Patient ja nur kurze schriftliche Antworten geben kann oder es bei einem Nicken bzw. Kopfschütteln belassen muss. Hier können auch Gesten und Berührungen helfen die fehlenden Worte zu ersetzen.
Als selbst Betroffener weiß ich aus eigenem Erleben, wie einem dabei zumute ist und was man von dem Gesprächspartner erwartet. So kann ich mich als jetziger Betreuer gut darauf einstellen. Allerdings erfordert dies auch eine gewisse Schulung, welche die Betreuer auf den verschiedensten Seminaren erfahren.
Ich habe mir damals nach meiner Operation zur Verwunderung des Pflegepersonals ein Telefon am Bett einrichten lassen. Meine Frau hatte mir ein Kinderspielzeug gekauft: ein Kunststoff-Kästchen, kleiner als eine Streichholzschachtel mit vier bunten Knöpfen und einem Lautsprecher. Damit konnte man durch Knopfdruck vier verschiedene Geräusche erzeugen wie Maschinengewehrknattern oder Sirene und anderes. Dann haben wir kurze, häufig benötigte Sätze oder Redewendungen aufgeschrieben und jedem einen Code aus den vier Geräuschen zugeteilt. So konnten wir jederzeit prima telefonieren: meine Frau mit Stimme und ich durch Spielzeugtöne.
Auf diese Weise haben dann auch andere Patienten telefoniert: z. B. durch Klopfzeichen oder Prusten; man muss nur ihre Erfindungsgabe etwas anstoßen. Jeder kleine Erfolg trägt zur Motivation bei, ob das nun dieses „Telefonieren“ ist oder die ersten erzeugten Laute beim Logopäden.
Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus geht es ja meistens aufwärts, dann ändert sich unsere Betreuung mehr in die Richtung Beratung bei Behördenangelegenheiten, Krankenkasse, Rentenanstalt usw. Auch die Fragen der Ehefrauen mehren sich, sie suchen oft Hilfe bei ihren Problemen mit dem Operierten. Dies sei nur kurz erwähnt.
Sehr wichtig für unsere Arbeit halte ich die Beteiligung an einem Netzwerk von Gleichgesinnten sowie Informationen. Seit unserem Bestehen sind wir Mitglied im Paritätischen, wo viele Kontakte zu anderen Selbsthilfegruppen entstanden sind. Die sechs Krebsselbsthilfegruppen im Raum Braunschweig (z.B. Brustkrebs, Prostata, Leukämie usw.) haben sich zu einer losen Arbeitsgemeinschaft zusammengefunden, in welcher wir Erfahrungen austauschen und Termine abgleichen. Wir kooperieren mit dem Verein Krebsnachsorge am Hagenmarkt sowie der Niedersächsischen Krebsgesellschaft in Hannover. Seit kurzem beteiligen wir uns auch an dem wieder aufgenommenen Braunschweiger Arbeitskreis Psycho-Onkologie. Wir pflegen nun auch Kontakt mit der Palliativ-Versorgung und nähern uns ebenso der Hospiz-Arbeit.
Eingangs erwähnte ich, dass bei Krebserkrankungen trotz aller ärztlicher Kunst nicht jeder Patient geheilt werden kann. Das ist bei Kehlkopfoperierten auch nicht anders, obwohl die Überlebensquote hier sehr hoch ist. So ist jedes Jahr immer wieder der eine oder andere Patient aus unserer Betreuung dabei, der es auf Dauer nicht schafft.
Mitunter bilden sich bei Kehlkopflosen nach einiger Zeit weitere Metastasen in der Lunge, die dazu führen, dass der Patient zwar sehr schnell austherapiert ist, sich seine letzte Lebensphase aber noch recht lange hinzieht. Im Krankenhaus oder Pflegeheim werden sie oft nur noch verwaltet, zuhause sind die Angehörigen auch bei allem guten Willen mit der Pflege meist überfordert. Wie bereits bei deren Vorstellung erwähnt, versagen dann mitunter auch noch die erlernten Ersatzstimmen, so dass eine Kommunikation mit dem Kranken kaum noch möglich ist; er kann Bedürfnisse und Wünsche fast nicht mehr artikulieren.
Wer nur ein einziges Mal erlebt hat, wie sehr diese Menschen leiden und wie qualvoll sie häufig enden, wird froh und dankbar sein, dass es die Palliativ-Behandlung und Hospiz-Arbeit gibt, so dass diese Patienten nicht in die Hoffnungslosigkeit entlassen werden müssen. --- Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

6. Juli 2010

Erhöhung der Krankenkassenbeiträge

Höhere Krankenkassenbeiträge gehen zu Lasten von Schwächeren

BAG SELBSTHILFE e.V. fordert: Keine Erhöhung der Krankenkassenbeiträge und Zusatzbeiträge

Die Bundesregierung von Union und FDP will die Krankenkassenbeiträge erhöhen. Geplant ist eine Anhebung des allgemeinen Beitragssatzes von 14,9 auf 15,5 Prozent. Die Erhöhung soll das für 2011 prognostizierte Milliardendefizit bei den gesetzlichen Krankenkassen ausgleichen. Doch es kommen noch weitere Lasten auf die Versicherten zu, denn auch die Zusatzbeiträge sollen steigen.
Die von der Koalition erwogene Erhöhung der Krankenkassenbeiträge um 0,6 Prozentpunkte soll je zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gezahlt werden. Einen höheren Zusatzbeitrag müssten die Arbeitnehmer hingegen alleine tragen. Zwar soll es bei den Zusatzbeiträgen einen Sozialausgleich geben. Die Reform wäre jedoch insgesamt ein Bruch mit dem Solidarsystem, weil Geringverdiener als Schwächere in dieser Gesellschaft benachteiligt würden.
Die steigenden Gesundheitskosten auf die Versicherten abzuschieben ist keine Lösung. „Stattdessen muss der Verschwendung von Ressourcen im Gesundheitssystem Einhalt geboten werden“, fordert Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der BAG SELBSTHILFE. Zudem müsse wesentlich mehr in die Prävention investiert werden, damit unnötig hohe Kosten gar nicht erst entstehen können. „Es ist unverständlich, dass gerade die Defizite im Bereich der Versorgung nicht angegangen werden, da hier nicht nur Mittel verschwendet werden, sondern auch chronisch kranken und behinderten Menschen notwendige Leistungen vorenthalten werden“, so Danner weiter.

Die BAG SELBSTHILFE e.V. – Bundesarbeitsgemeinschaft SELBSTHILFE von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen – ist die Vereinigung der Selbsthilfeverbände behinderter und chronisch kranker Menschen und ihrer Angehörigen in Deutschland. Sie ist Dachverband von 109 bundesweit tätigen Selbsthilfeorganisationen, 14 Landesarbeitsgemeinschaften und 5 Fachverbänden. Über ihre Mitgliedsverbände sind in der BAG SELBSTHILFE mehr als eine Million Menschen mit körperlichen, seelischen und geistigen sowie Sinnes-Behinderungen und Menschen mit unterschiedlichsten chronischen Erkrankungen zusammengeschlossen.

20. Juni 2010

Patienten wollen besser aufgeklärt werden

Patienten fühlen sich von Ärzten nicht ausreichend informiert. Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse (TK), die in Berlin vorgestellt wurde, gaben mehr als 60 Prozent der Befragten an, dass ihr Arzt sie nicht über Behandlungsalternativen aufkläre und nach ihrer Meinung frage. Etwa jeder fünfte Patient wünscht sich eine bessere Aufklärung durch den Arzt. Patienten sollten besser bei den Entscheidungen zu den bevorstehenden Therapien und Behandlungen einbezogen werden Beinahe die Hälfte der Befragten sagte, dass ihr Arzt ihnen selten oder nie die Behandlungsziele erkläre.
Es dauert oftmals lange, bis man den richtigen Arzt gefunden hat. Bei vielen Ärzten herrscht ein regelrechter "Durchgangsverkehr". Da bleibt kaum Zeit für ein eingehendes Gespräch zwischen Arzt und Patient. In vor allem großen Arztpraxen nehmen sich viele Ärzte kaum Zeit für ihre Patienten und geben oft keinen transparenten Einblicke zu den anstehenden Behandlungen. So gaben rund 60 Prozent der Befragten an, dass sie nicht genügend über Alternativen möglicher Therapien aufgeklärt werden. "Nicht immer treffen sich Arzt und Patient auf gleicher Augenhöhe", so der Leiter der TK-Krankenkasse, Norbert Klusen. Etwa 40 Prozent der Befragten gaben zudem an, dass sie nicht genügend über mögliche Nebenwirkungen von Arzneien aufgeklärt werden. Insgesamt seien jedoch 95 Prozent der Patienten "unterm Strich" mit ihrem Arzt zufrieden. Wenn Patienten länger bei dem Arzt in Behandlung sind, wächst auch die Zufriedenheit, so die Studien-Ergebnisse.
Rund 1000 Personen wurden für die Studie am Telefon befragt. Im Vergleich mit Kanada, Australien, den USA, Großbritannien und Neuseeland bekam das deutsche Gesundheitswesen insgesamt gute Noten, insbesondere was den Zugang zu medizinischen Leistungen und die Versorgung chronisch Kranker betrifft. Neun von zehn der Befragten gaben an, im letzten halben Jahr beim Arzt gewesen zu sein, beinahe jeder zweite sogar innerhalb der letzten vier Wochen.
Trotz der allgemeinen Zufriedenheit erklärte fast ein Viertel der Befragten, dass sie widersprüchliche Informationen von verschiedenen Ärzten oder anderen im Gesundheitswesen Beschäftigten erhielten. Fast 40 Prozent gaben an, dass ihr Arzt sie selten oder nie über Nebenwirkungen der von ihnen eingenommenen Medikamente aufgeklärt habe. Jeder Fünfte beklagte, von seinem Arzt nicht in dem Maße informiert und in Entscheidungen eingebunden zu werden, wie er es möchte.
Die TK kritisierte den Mangel an Information für die Patienten. "Insbesondere die Punkte Kommunikation und Einbindung in Entscheidungen prägen das Bild, das Patienten von ihrem Arzt haben", erklärte Frank Verheyen, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG), das die Studie erstellte. Auch der Behandlungserfolg hänge wesentlich davon ab, ob der Patient seinen Therapieplan gemeinsam mit dem Arzt entschieden habe und die einzelnen Schritte mittrage.
Ein weiteres Ergebnis der Umfrage lässt zudem aufhorchen. Etwa 50 Prozent der Befragten gaben an, "chronisch krank" zu sein. Für die Krankenkasse sei dies ein Hinweis darauf, dass eine hohe, sog. Anspruchshaltung gegenüber den Ärzten besteht. Es könnte aus unserer Sicht jedoch auch so sein, dass die Behandlungsformen nicht ausreichend sind und der Kern der Erkrankung nicht ergründet werden konnte. Wenn etwa 60 Prozent der Befragten bemängeln, nicht genügend über mögliche Alternativen aufgeklärt zu werden, könnte hier ein Zusammenhang bestehen.
In diesem Zusammenhang weist die Krankenkasse auch darauf hin, dass die Bundesbürger zu oft zum Arzt gehen. Rund die Hälfte der Studienteilnehmer gaben an, in den letzten vier Wochen mindestens einmal beim Arzt gewesen zu sein. Etwa 90 Prozent der Befragten gaben an, in dem letzten halben Jahr beim Arzt gewesen zu sein. Das könnte natürlich auch ein Hinweis darauf sein, dass die Beratung beim Arzt zu knapp und zu in-transparent war.

Vor kurzem hat die AOK einen sog. Arzt-Navigator ins Netz gestellt. AOK-Patienten können online ihren Arzt bewerten und etwa 30 Fragen beantworten. Dadurch sollen Patienten einen besseren Überblick erhalten, welcher Arzt sich für Behandlungen genügend Zeit nimmt und wie lange die Wartezeiten waren.

20. April 2010

Schwesterschülerinnen bei Kehlkopflosen

Eine Braunschweiger Tradition wird in diesem Jahr fortgesetzt: die SHG Braunschweig nimmt an der jährlichen Projektwoche der Pflegeschule der HEH-Kliniken teil. Dabei beschäftigen sich in der Ausbildung befindliche Krankenschwestern in verschiedenen Projektgruppen vor Ort mit dem Krankheitsbild, den Lebensumständen, Pflegemaßnahmen und Hilfsmitteln von in Selbsthilfegruppen vertretenen Patienten. Zunächst erfolgt durch erfahrene Patientenbetreuer eine mehrstündige Einweisung in die Problematik der Patientengruppe, danach gibt es einen Besuch des nächsten Gruppentreffens mit Gesprächen und Erfahrungsberichten der Betroffenen.
Oberes Bild:
Schwester- schülerinnen Josephine Grohe und Wiebke Schweitzer im Gespräch mit Betreuerin Rita Weidner.
Rechtes Bild:
Anne Röllig und ihre Kolleginnen hatten beim anschließenden Gruppentreffen viele Fragen, die von den Kehlkopfoperierten ausführlich und oft mit viel Humor beantwortet wurden.


Wie gut diese Zusammenarbeit angenommen wird, zeigen die Kommentare der angehenden Krankenschwestern: Das wird bei uns in der Schule alles gar nicht gelehrt, es ist eine tolle Erfahrung, dies alles einmal aus erster Hand kennenzulernen. Der Leiter der Sektion Braunschweig (Rüdiger Weidner) meint dazu: Jede Schwester- schülerin, die uns besucht und damit in die Probleme der Kehlkopfoperierten Einblick bekommt, ist ein Gewinn für zukünftige Patienten in HNO-fremden Kliniken; denn dort wird sicher keinem Halsatmer mehr die Nasenbrille zur Sauerstoffbeatmung aufgesetzt!

10. Februar 2010

Interview mit Werner Kubitza

Werner Kubitza, President
Im Interview: Werner Kubitza, Sprecher des Forums
chronisch kranker und behinderter Menschen im Paritätischen

Die Interessen chronisch kranker und behinderter Menschen vertreten und die Selbsthilfe stärken – das sind zentrale Aufgaben des „Forums chronisch kranker und behinderter Menschen“ im Paritätischen. Werner Kubitza, Sprecher des Forums fordert:
„Chronisch kranke und behinderte Menschen müssen stärker an der Gestaltung desGesundheitswesens beteiligt werden.“

Herr Kubitza, Sie vertreten als Sprecher des Paritätischen Forums die Interessen chronisch kranker und behinderter Menschen im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).
Er ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland und bestimmt letztlich, wie der Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für mehr als 70 Millionen Versicherte aussieht. Wie können Sie als einer von neun Patientenvertretern im G-BA Einfluss darauf nehmen, welche Leistungen der medizinischen Versorgung von der GKV erstattet werden?



Werner Kubitza: Der Gemeinsame Bundesausschuss ist ein sehr mächtiges Gremium mit einem nichtssagenden Namen, der meiner Meinung nach dringend geändert werden musste. Vor lauter Neutralitat erkennt man nämlich an dieser Bezeichnung überhaupt nicht, was der G-BA macht. Dabei trifft er Beschlüsse, die für kranke und behinderte Menschen von enormer Bedeutung sind – mitunter sogar über Leben und Tod entscheiden können. Leider sind unsere Mitgestaltungs- möglichkeiten im G-BA immer noch begrenzt.
Anders als die Vertreter der Deutschen Krankenhausgesellschaft, der Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung und des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung haben wir Patientenvertreter kein Stimmrecht. Wir oder sachkundige Vertreter, die wir vorab benennen können, dürfen in den Unter- Ausschussen, deren Arbeitsgruppen und im Gremium selbst zwar mitdiskutieren und Antrage stellen – aber nicht darüber abstimmen. Und wir haben auch kein Mitbestimmungsrecht, was überhaupt auf die Tagesordnung kommt.
Aber ich will unseren Einfluss nicht kleinreden. Wir Patientenvertreter haben der Übermacht der Leistungserbringer und Kostenträger schon so manches abtrotzen können. Wir stellen die spezifischen Sichtweisen und Bedürfnisse der Patienten und Versicherten dar. Unsere Argumente werden gehört und fallen häufig auch auf fruchtbaren Boden.

Fällt Ihnen da ein konkretes Beispiel ein?

Werner Kubitza: Ja, beispielsweise der Streit um die Übernahme von Fahrtkosten zur ambulanten Behandlung. Nachdem die Übernahme von Fahrtkosten fast völlig gestrichen werden sollte, konnten wir erreichen, dass für stark in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen sowie Patientinnen und Patienten, die wegen einer Grunderkrankung häufiger zur ambulanten Behandlung müssen, eine Kostenübernahme für Fahrten sichergestellt ist.
Aber naturlich gibt es auch andere Beispiele wie etwa die Einschränkung der Kostenerstattung für Insulin-Analoga zur Behandlung von Diabetes Typ 2, die vom Deutschen Diabetiker Bund als klarer Fall von Rationierung im Gesundheitswesen empfunden wird.
In etwa 90 Prozent der Falle finden im G-BA die Patienteninteressen aber Gehör. In zehn Prozent der Falle jedoch auch nicht. Und da muss man schon fragen: Wie gewichtig sind diese zehn Prozent? Dahinter stehen ja ganz konkrete Schicksale. Und wenn man dann sieht, wie Patienten kämpfen müssen, dass ein Medikament zugelassen wird, das sie benötigen, kann man manchmal schon wütend werden. Ich bin überzeugt, wenn wir Patientenvertreter im G-BA mehr Mitbestimmungsrechte hätten, wäre die Ablehnungsquote niedriger als zehn Prozent.
Wobei wir schon auch immer aufpassen müssen, dass Patienteninteressen und Interessen der Pharmaindustrie nicht miteinander vermischt werden.

Ein anderes, aber ebenso wichtiges Thema: die finanzielle Förderung der Selbsthilfe durch die gesetzlichen Krankenkassen. Auch hier wünschen Sie sich Verbesserungen

Werner Kubitza: Die Selbsthilfeförderung durch die gesetzlichen Krankenkassen findet seit 2008 auf zwei Wegen statt. Doch nur einer wird bislang im Großen und Ganzen dem Anspruch gerecht, zu
einer verlässlicheren Forderung der gesundheitsbezogenen Selbsthilfe zu führen, auch wenn bei weitem noch nicht alles optimal ist: Das ist die kassenübergreifende Gemeinschaftsförderung. Die
krankenkassenindividuelle Förderung ist aber völlig unbefriedigend. Es ist ja im Sozialgesetzbuch gesetzlich geregelt, dass die Krankenkassen pro Versichertem jährlich einen bestimmten Betrag – das sind aktuell 57 Cent – zur Förderung der Selbsthilfe zur Verfugung stellen müssen. 2010 beläuft sich die Summe auf rund 40 Millionen Euro. Davon entfallen mindestens 50 Prozent auf die kassenübergreifende Gemeinschaftsförderung, die der Basisforderung der Selbsthilfe dient. Wahrend die maßgeblichen Spitzenverbande der Selbsthilfe hier bei der Mittelvergabe aus dem Gemeinschaftsfonds eingebunden sind, mangelt es bei der kassenindividuellen Förderung jedoch sehr an Transparenz. Viele Kassen geben noch nicht einmal bekannt, nach welchen Grundsätzen gesundheitsbezogene Projekte der Selbsthilfe gefördert werden. Das hat zur Folge, dass Selbsthilfeorganisationen grundlegende Informationen fehlen, wie sie beispielsweise an Mittel kommen und wer ihre Ansprechpartner sind. Außerdem ist die Förderpraxis uneinheitlich und unübersichtlich. Der Paritätische fordert daher, dass die Krankenkassen verpflichtet werden müssen, ihre Grundsatze fur die kassenindividuelle Förderung bekannt zu geben, und dass die Spitzenorganisationen der Selbsthilfe an der Vergabe der Mittel beteiligt werden. Und die Kassen müssen transparent machen, wieviel Geld sie fur die „indirekte Selbsthilfeforderung“ behalten, etwa für Personal- und Sachkosten im Zusammenhang mit der Selbsthilfeförderung. Da gibt es mit einer Spannbreite, die zwischen zwei und neun Cent pro Versichertem pro Jahr liegt, enorme Unterschiede zwischen den Kassen. Die Förderkriterien und -transparenz gehören dringend auf die Agenda. Unseres Erachtens müsste darüber hinaus generell das Verhältnis zwischen kassenübergreifender und kassenindividueller Förderung von „halbe halbe“ verschoben werden zu einem Verhältnis von 70:30.

Sie können sich auch noch andere Wege zur Unterstützung der Selbsthilfe durch die Kassen vorstellen.

Werner Kubitza: Es wäre sinnvoll, wenn alle Krankenkassen, also auch die Privaten, die Mitgliedschaft ihrer Versicherten in einer Selbsthilfeorganisation ebenso wie die Teilnahme an Präventionsprogrammen beispielsweise über Bonussysteme honorieren. Und außerdem könntendie Mitgliedsbeitrage bei der jährlichen Belastungsgrenze angerechnet werden, über die hinaus Versicherte keine Zuzahlungen mehr zu Arztkosten, Medikamenten und ähnlichem zahlen müssen. Es gibt noch viele Möglichkeiten, die Selbsthilfe besser zu unterstützen. In diesem Zusammenhang möchte ich auch eine Anregung in den Verband hinein geben: Viele Selbsthilfegruppen müssen für ihre Treffen Räume anmieten. Wenn sie verstärkt die Möglichkeit haben, Raume des Paritätischen zu nutzen, wäre das für viele ein Gewinn.

Das Forum chronisch kranker und behinderter Menschen im Paritätischen wurde 1986 von überregionalen Mitgliedsverbanden des Paritätischen gegründet. Inzwischen gehören ihm 38 bundesweite Mitgliedsorganisationen an. Wichtige Aufgabe des Forums ist es, politische Positionen zur Stärkung der Selbsthilfe und zur Unterstützung der Betroffenen zu erarbeiten. Im Gemeinsamen Bundesausschuss, dem Vertreter von Ärzten, Krankenkassen, Krankenhäusern und Patientenverbanden angehören, setzt das Forum sich fur die Interessen von Patientinnen und Patienten bei der medizinischen Diagnose und Therapie sowie der Versorgung mit Medikamenten, Heil- und Hilfsmitteln ein.
Es engagiert sich zudem im Patientenforum, einem Zusammenschluss aus Vertretern von Patienten- und Behindertenorganisationen, der Bundesärztekammer
und der Kassenärztlichen Vereinigung, der sich für Qualitätsverbesserungen im Gesundheitswesen einsetzt. Wichtige Voraussetzungen, um das alles leisten zu können, sind eine enge Vernetzung der Mitgliedsorganisationen und eine gute Kooperation mit der Abteilung für Rehabilitation und Gesundheit beim Paritätischen Gesamtverband und den Fachabteilungen der Landesverbände sowie die Einbindung der Akteure in Verbandsgremien wie dem Verbandsrat. Weitere Informationen gibt es im Internet auf der Seite www.selbsthilfe.paritaet.org.